Kantine »Festival«

Instrumentelle Reduktionen. Thesen zur ­Kritik des Antizionismus und Antisemitismus­verständnisses marxistisch-leninistischer ­Gruppen


Kappa

Einleitung

Die radikale Linke in Leipzig befindet sich im Wandel. Was jahrelang als schleichender Prozess durchaus wahrgenommen, aber wenig problematisiert wurde, schlug spätestens seit dem 7. Oktober 2023 in einen offenen innerlinken Konflikt um. Mittlerweile gibt es diverse Artikel und Debattenbeiträge über das Erstarken sogenannter »Roter Gruppen«, die sich am Marxismus-Leninismus orientieren und den Aufbau einer avantgardistischen kommunistischen Kaderpartei ins Zentrum ihres politischen Strebens rücken.(1) Die Verhältnisse in Leipzig sind dabei Ausdruck eines bundesweiten Trends; das Flussbett orthodoxer Strömungen scheint wieder breiter zu werden, bedingt durch den Zulauf besonders vieler junger Menschen. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung in Leipzig lässt sich dabei aber nicht auf einen Generationen- oder Hegemoniekonflikt innerlinker Strömungskonkurrenz reduzieren. Auch wenn Verlaufsformen dieser Auseinandersetzung identitär aufgeladen sind, gilt es, eine inhaltliche Kritik an Praxis und Theorie dieser Gruppen wieder ins Zentrum zu rücken. Dass es sich bei »Roten Gruppen« freilich um keinen monolithischen Block handelt, sondern sie sich auf unterschiedliche und teils in Konkurrenz zueinander stehende Theorietraditionen berufen, lässt eine generalisierende Kritik schnell ins Leere laufen. Dennoch werden wir (2) uns im Folgenden auf Texte ausgesuchter Gruppen kritisch beziehen; die entweder eine prominente Rolle einnehmen, in Leipzig präsent sind oder sich thematisch stark positioniert haben. Im Jahr 2023 gab es gleich zwei Anlässe, die hier zu heftigen Kontroversen führten. Im Februar wurde das Hanau-Gedenken von Young Struggle (YS) und der Förderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) vereinnahmt.(3) Statt in einem würdigen Rahmen an die Opfer zu erinnern, wurde die Plattform genutzt, um für den Parteiaufbau zu werben. Indem die Ermordeten als ›Klassengeschwister‹ adressiert wurden, rückte der Rassismus des Täters in den Hintergrund und die Tat wurde in einen Kontext des Klassenkampfes gepresst. Das instrumentelle Verhältnis zu gesellschaftlichen Kämpfen wird hier ebenso deutlich wie die schablonenhafte Zurichtung der Realität im Korsett des Marxismus-Leninismus. Wenn jeder gesellschaftliche Widerspruch seine Auflösung nur im erfolgreichen Aufbau der Partei findet, ist jeder Anlass eine Bühne für Agitation. Wie beliebig der Anlass dabei werden kann, machten Rufe wie »Von Hanau bis nach Gaza – Yalla Intifada« deutlich. Ebenso wenig, wie die Opfer Tote im Klassenkampf verkörpern, hatte der rassistische deutsche Täter etwas mit dem Israelisch-Palästinensischen Konflikt zu tun. Für die Tat waren Klassenlage und Zionismus nicht konstitutiv. Klassenkampf und Antizionismus sind konstitutiv für das Weltbild der Roten. Im Nachhinein scheint die Parole einen Vorgeschmack geliefert zu haben auf das, was sich nach dem 7. Oktober Bahn brach. Der 7. Oktober 2023 und die Reaktionen darauf ließen wie andernorts einen schwelenden Konflikt zwischen einer noch recht jungen antiimperialistischen Roten und einer etablierten, eher antinational bis antideutsch geprägten autonomen Szene in Leipzig erstmals eskalieren. Dass er sich an den Fragen zu Israel / Palästina, Zionismus / Antizionismus, Antisemitismus / Antirassismus entzündete, dürfte niemanden überrascht haben. Die Debatte berührt im Kern nicht nur unterschiedliche Positionen zum Nahostkonflikt, sondern letztlich auch divergierende Geschichtsbilder. Im Hintergrund stehen also grundlegende Fragen zum Wesen des Nationalsozialismus, des Antisemitismus und des Zionismus. Zunächst möchten wir eine grundsätzliche Kritik an wiederkehrenden argumentativen Leitplanken des Antizionismus der Kommunistischer Aufbau (KA) und Kommunistische Partei (KP) formulieren. Grundlage bilden die Texte: »Nationale Frage und Palästina« (4) des KA, »Zur Strategie und Taktik des palästinensischen Befreiungskampfes« (5) (2024) der KP, sowie »Kampf gegen Antisemitismus heißt Kampf gegen den deutschen Staat« von YS. Die Texte begründen ausführlich ihre propalästinensische Parteinahme, ihren Antizionismus, historische Perspektiven auf den Konflikt und eine beispielhafte ML-Analyse des Antisemitismus.

Reaktionärer Nationalismus vs. Nationale Befreiung

In ihrer Charakterisierung des Zionismus ist weder die KP noch der K A weit von ihren historischen Vorbildern des Marxismus-Leninismus entfernt. Grundsätzlich handle es sich beim Zionismus um einen bürgerlichen Nationalismus mit besonders reaktionären Zügen, der jüdische Arbeiter:innen vom Klassenkampf ablenke. Die Lösung des Antisemitismusproblems liege daher nicht in der Schaffung eines Nationalstaates, sondern im Aufbau des Sozialismus. Die Nähe zu den eigenen Klassikern zeigt sich besonders deutlich in der Haltung zum jüdischen Nationalismus. In Anlehnung an Stalin sei »das Judentum in Wirklichkeit eine ethnisch-religiöse Gruppe und keine Nation«(6) Weder bestünde ein einheitlicher Siedlungsraum noch eine gemeinsame Sprache. Tatsächlich musste der Zionismus mit diesen Herausforderungen umgehen – ebenso wie viele andere Nationalbewegungen. Um eine nationale Identität zu formen, wurden historische, kulturelle und linguistische Elemente konstruiert, um aus einer »imagined community« (7) eine soziale Realität werden zu lassen. Die religiöse und historische Verankerung der Juden im Land bildete dabei die reale Grundlage für die Erzählung der »Rückkehr«, ohne die der Zionismus keine breite Wirkungsmacht entfaltet hätte. (8) Der emanzipatorische Fluchtpunkt des Zionismus bleibt seine Konstruktion unter den konkreten Bedingungen eines Antisemitismus, der Juden und Jüdinnen erst in eine Art Schicksalsgemeinschaft zwang. Unter dem Gesichtspunkt der Befreiung vom Antisemitismus könnte man den Zionismus also in eine Reihe mit anderen Bewegungen des Befreiungsnationalismus stellen. (9) Eine Perspektive, die historisch natürlich im Gegensatz zur antizionistischen Politik der Komintern ab den 1920er Jahren steht, und an die ihre ML-Nachfolgeorganisationen anknüpfen. (10) Ein zentraler Widerspruch zieht sich durch diese Politik: Die jüdische Nationalbewegung wird aufgrund ihrer bewussten Konstruktionsprozesse als besonders reaktionär eingestuft, während andere Nationalismen – insbesondere der (pan-)arabische und palästinensische – als natürliche Vertreter eines Befreiungsnationalismus gelten. Dabei war die arabische Bevölkerung Palästinas im 19. Jahrhundert kulturell zwar von anderen Regionen unterscheidbar, verfügte aber weder über ein ausgeprägtes Nationalbewusstsein im modernen Sinne noch über eine eigene Sprache. Ihre politische Identität orientierte sich an Syrien und dem Panarabismus. Ein distinktives palästinensisches Nationalbewusstsein entwickelte sich erst im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Zionismus und der britischen Kolonialherrschaft. (11) Der reaktionäre Gehalt des palästinensischen Nationalismus, der zu Beginn von traditionellen feudalen Eliten und später von antisemitischen Figuren wie Hadj Amin al-Husseini geprägt wurde, (12) spielt in seiner Bewertung durch KP und KA ebenso wenig eine Rolle wie die autoritären, patriarchalen und oft repressiven Strukturen, die viele seiner Vertreter bis in die Gegenwart hinein kennzeichnen. Die Bestimmung von Nationen scheint in dem Maße flexibel, wie sie in ihrer Anwendung für den vermeintlichen Kampf gegen den Imperialismus im geopolitischen Weltmaßstab nützen oder eben nicht. Das beste Beispiel dafür ist das jüdische Autonomieprojekt Birobidschan in der Sowjetunion. Was am Zionismus von kommunistischer Seite abgelehnt wurde, sollte auf sowjetischem Boden unter sozialistischen Vorzeichen umgesetzt werden. (13) Das Projekt eines »roten Gegenpalästina« scheiterte nicht nur, es verweist deutlich auf innere Widersprüche der Sowjetunion zur jüdischen Nationalfrage. Heutigen ML-Gruppen ist an einer scheinbar historisch-kohärenten Position gelegen, in Einklang mit Theorie und Tradition des Marxismus-Leninismus. Episoden, die Brüche und Widersprüche verkörpern, werden daher konsequent verdrängt.

Zionistisches Dogma vs. Jüdische Erfahrung

»Der Zionismus als bürgerliche Antwort auf den Antisemitismus ist jedoch nichts anderes als jüdischer Chauvinismus und als solcher ebenfalls ein reaktionäres Herrschaftsinstrument. Aufbauend auf dem Dogma, die Jüd:innen könnten aus Prinzip nicht mit anderen Völkern zusammenleben, haben zionistische Kapitalist:innen mit der Besiedelung Palästinas ein Kolonialprojekt in den Diensten des Imperialismus initiiert und dabei die ausgebeuteten und verfolgten jüdischen Arbeiter:innen für ihre Zwecke benutzt.« (14)

Das obige Zitat fasst die Position des Kommunistischen Aufbaus gegenüber dem Zionismus anschaulich zusammen. Es liest sich wie eine Position, wie sie von sozialistischer und sozialdemokratischer Seite während der politischen Formierung des Zionismus artikuliert wurde. (15) Der erste Zionistenkongress in Basel 1897 wurde von den »Allgemeinen Zionisten« unter Herzl dominiert – bürgerliche Kräfte, die erst im Laufe der Jahre ihre Stellung an den Arbeiterzionismus verloren. Insgesamt blieb auch der politische Zionismus in den Anfängen eine Randerscheinung jüdischer Politik. Ein Umstand, auf den auch seine zeitgenössischen Kritiker:innen immer wieder verwiesen. Die Frage ist doch aber, wie eine solche Minderheitenposition, die für viele Juden und Jüdinnen zwischen irrationaler Träumerei und religiösem Sakrileg rangierte, eine solche Wirkungsmacht entfalten konnte. Der KA interpretiert den Zionismus hier als Herrschaftsinstrument der jüdischen Bourgeoisie, die unter Verschleierung ihrer eigentlichen Intention jüdische Arbeiter nach Palästina lockte, um sie auszubeuten. Eine Perspektive, welche die jüdische Erfahrung in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar andeutet, ihr aber keinen zentralen Stellenwert zuweist. Dabei stehen die insgesamt fünf Einwanderungswellen (Alijas) ins Mandatsgebiet Palästina im Kontext sich verschärfender Verhältnisse, getrieben durch antisemitische Pogrome in Osteuropa, den Aufstieg nationalistischer und faschistischer Bewegungen, sowie einer immer restriktiveren Einwanderungspolitik für jüdische Flüchtlinge in liberale Demokratien des Westens. Die Attraktivität des Zionismus nahm in dem Maße zu, in dem die realen Lebensbedingungen für Juden und Jüdinnen in Europa durch antisemitische Gesetze und Gewalt erodierten und sich die Grenzen im Westen für sie schlossen. Das angebliche »Dogma«, dass Juden »aus Prinzip nicht mit anderen Völkern zusammenleben« könnten, ist keines, das durch Propaganda von Zionist:innen aller Couleur in die Köpfe der Verfolgten gebracht wurde; die Verfolgung und Vernichtung waren es, die diese Erkenntnis erst plausibel erscheinen ließ. (16) Der industrielle Massenmord der Deutschen, die Kollaboration vieler europäischer Gesellschaften bei der Deportation jüdischer Gemeinden und die anhaltende Weigerung westlicher Staaten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen – selbst nach der Shoah –, begründeten erst die Notwendigkeit eines eigenen wehrhaften Staates. Das schließt die Vertreibung der jüdischen Gemeinden in der arabischen Welt ab 1947 explizit mit ein. Etwa 850.000 Juden wurden aus arabischen Ländern vertrieben oder flohen, meist infolge politischer Verfolgung, antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. (17) Diese sozialgeschichtliche Dimension des Zionismus einfach auszublenden, ihn auf ein Herrschaftsinstrument jüdischer Bourgeoisie und imperialistischer Machtpolitik zu reduzieren, ist Ausdruck eines Bedürfnisses, die Positionen der eigenen ML-Tradition bruchlos in die Gegenwart zu retten. Andererseits bedeutet die Betonung der sozialgeschichtlichen Dimension des Zionismus nicht gleichzeitig seine unkritische Affirmation. Man kann anerkennen, dass sich seine Notwendigkeit historisch auf schreckliche Weise gezeigt hat und trotzdem die Realität eines Staatsgründungsprozesses sehen, dessen kolonisierende Elemente evident sind und in dem die politischen Rechte der Mehrheit der Menschen, die im britischen Mandatsgebiet lebten, nicht berücksichtigt wurden. Im Zuge der Gründung Israels flohen 750.000 Palästinenser:innen oder wurden vertrieben. Den schlichten Umstand anzuerkennen, dass es sich um einen Konflikt zweier Nationalbewegungen um dasselbe Territorium handelt, ohne ihn darauf zu reduzieren, heißt aktuell, das Massaker der Hamas am 7. Oktober nicht als Widerstand zu verharmlosen ebenso, wie die Kriegsverbrechen der israelischen Armee in Gaza zu verurteilen. Es heißt, die Palästinenser:innen nicht nur als Opfer, sondern als Akteur:innen mit legitimen Interessen und politischer Handlungsfähigkeit ernst zu nehmen. Der Verlauf des Konflikts ist nicht nur Resultat israelischer Dominanz, sondern auch Folge politischer Entscheidungen ihrer eigenen Vertreter:innen.

Instrumentelle Funktion vs. Antisemi­tische Gesellschaft

Dem Antisemitismusverständnis der hier zitierten Gruppen liegt die Annahme zugrunde, der Judenhass sei im Kern ein Instrument der herrschenden Klasse, um gesellschaftliche Widersprüche zu kanalisieren. So schreibt der Kommunistische Aufbau: »chauvinistische und rassistische Ideologien [seien] Instrumente zur Spaltung der ausgebeuteten Klassen […] Der Antisemitismus als eine solche Ideologie hat über Jahrhunderte […] zuerst dem Feudaladel und dann der Bourgeoisie als ein solches Spaltungs- und Unterdrückungsinstrument gedient.« (18) Die gesellschaftliche Funktion liege vor allem darin, die Einheit der Unterdrückten zu verhindern. Historisch habe der Antisemitismus den Zweck erfüllt, durch »Rassenkampf« statt Klassenkampf den Sozialismus zu verhindern. YS beschreibt speziell den deutschen Antisemitismus der 1930er Jahre als ein von der Bourgeoisie initiiertes Projekt zur Rettung des Kapitalismus vor der Revolution: »Anfang der 1930er ging das deutsche Großkapital im vollen Bewusstsein aller Konsequenzen eine verbrecherische Ehe mit dem deutschen Faschismus ein, um die drohende sozialistische Revolution abzuwenden.« Der Antisemitismus im Nationalsozialismus erscheint hier als Klassenkampf von oben. Generell wird er in der Sphäre herrschender Interessen und Ideologien verordnet, er erscheint nicht als eigenständiges Phänomen, sondern gebunden an jeweilige Herrschaftszwecke. Eine Analyse, die vorrangig auf die ins­trumentelle Funktion der Judenfeindschaft abstellt, erfasst manche Aspekte des Antisemitismus. So war die Figur des jüdischen Dritten bei der Konsolidierung der Nationalstaaten ideologisch nahezu notwendig.19 Doch bleibt dieses Verständnis des Antisemitismus hinter zentralen Erkenntnissen zurück, mit Folgen, die nicht nur theoretische Fragen betreffen, sondern sich auch in der Praxis niederschlagen. Eine dieser Erkenntnisse der Kritischen Theorie ist die strukturelle Verwobenheit der Judenfeindschaft in die kapitalistische, bürgerliche Gesellschaft. Wo das Postulat formaler Gleichheit durch ökonomische Ungleichheit permanent unterminiert wird, schlägt enttäuschte Ideologie in irrationale Feindschaft um. Das geschieht nicht, weil es den Massen durch die Herrschenden eingeflüstert wird – die entfremdete kapitalistische Vergesellschaftung erzeugt Ängste und Scheinzusammenhänge, die sich in antisemitischen Weltbildern materialisieren. Die Resonanz, auf die antijüdische Verschwörungsmythen stoßen, die breite Bereitschaft in der Bevölkerung, diese zu glauben, erklärt sich nicht aus dem rationalen Kalkül der Herrschenden oder einem scheinbaren ökonomischen Nutzen der Gläubigen. Es geht dabei eben nicht nur um falsches Bewusstsein, nicht bloß um einen falschen Informationsstand, dem mit Aufklärung beizukommen wäre, sondern auch um Projektion und irrationale Bedürfnisbefriedigung.(20) Nicht zuletzt darin liegt die Persistenz des antisemitischen Ressentiments begründet. Die Geringschätzung der psychosozia­len Dimension und Eigenlogik des Antisemitismus wird besonders in der Charakterisierung des Nationalsozialismus deutlich. Wenn YS von einer »verbrecherischen Ehe« zwischen Großkapital und deutschem Faschismus schreibt, bildet ein ökonomistischer Reduktionismus à la Dimitroff-These noch immer das Rückgrat mancher ML-Faschismusanalysen. (21) Die Massenbasis des Nationalsozialismus, die Kollaboration großer Teile der Bevölkerung beim Prozess der Entrechtung bis zur Vernichtung noch bis in die letzten Stunden des NS-Staates hinein, eliminatorischer Antisemitismus als Bedingung der Shoah, entgegen instrumenteller ökonomischer und politischer Vernunft – all das wird nach wie vor abgewehrt, um bruchlos daran festzuhalten, »eine ganz normale Linke in einem ganz normalen Land« sein zu können. Darum drehten sich Debatten, die in den 90er Jahren vehement geführt wurden und die für die Entstehung einer antinationalen bis antideutschen Strömung konstitutiv waren, hier aber nicht im Detail nachgezeichnet werden können. (22) Uns scheint es umso wichtiger, sich die Inhalte dieser Debatten erneut anzueignen – gerade, weil viele ihrer Erkenntnisse im heutigen Diskurs verloren zu gehen drohen. Auch wenn das bedeutet, eine weitere Runde im Karussell linksradikaler Zeitschleifen zu drehen. In der politischen Praxis führt ein defizitäres Verständnis des Antisemitis­mus, der ihn auf ein rechtsradikales und staatlich gelenktes Phänomen reduziert, dazu, ihn hauptsächlich als Vorwurf gegen die eigene Bewegung im Kontext der Palästinasolidarität zu thematisieren. Die KP drückt es so aus: »Diejenigen, die den Vorwurf des Antisemitismus in Deutschland missbrauchen, sind […] Angehörige derselben herrschenden Klasse, die […] während des Nazi­ regimes […] den Antisemitismus als Waffe gegen den angeblich ›jüdischen‹ Marxismus verwendet haben.« 23 Wer in Ideologie nur Werkzeug herrschender Interessen begreifen mag, immunisiert nicht nur den eigenen Antizionismus gegen seine historisch-kritische Befragung, es wird auch hier eine historische Kontinuität konstruiert, die den Antisemitismus seiner spezifischen ideologischen Struktur beraubt. Den Umstand anzuerkennen, dass auch der Vorwurf politisiert wird, bedeutet im Umkehrschluss keinen Freispruch für Akteure der radikalen Linken. Wer vorgibt, die Lehren der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung für den Klassenkampf fruchtbar machen zu wollen, sich aber weigert, Antisemitismus als Teil dieser Geschichte zu begreifen, verdient kein Vertrauen – schon gar nicht dort, wo seine Zentralkomitees nach Autorität streben.(24)

Schluss

Die identitär aufgeladenen Dynamiken der Auseinandersetzung hinter eine inhalt­liche Debatte zurückzustellen – in Leipzig wie anderswo –, sollte Anspruch einer emanzipatorischen Linken sein. Die Kritik an einer Praxis, die Kader:innenrekrutierung und Parteiaufbau forciert und damit ihren instrumentellen Zugriff auf gesellschaftliche Kämpfe offenbart, bleibt nicht bei der Organisationsfrage stehen. Der Dissens entfaltet sich entlang eines selektiven und affirmativen Zugriffs auf die Geschichte der Arbeiter:innenbewegung, der Kohärenz behauptet, wo Brüche aufzuzeigen wären, und in dem historische Erfahrungen nicht zur Reflexion, sondern zur Abwehr führen. Der Zionismus ist ohne seine sozial­ geschichtliche Dimension nicht zu begreifen, der palästinensische Nationalismus nicht von seinen reaktionären und islamistischen Ausprägungen freizusprechen, die Shoah ökonomistisch nicht zu verstehen und der Antisemitismus kein bloßes Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie. Auch wenn viele dieser Debatten bereits geführt wurden, zeigt ihr erneutes Aufflammen, dass die Fragen, um die sie kreisen, keineswegs erledigt sind. In der Auseinandersetzung liegt die Chance für eine emanzipatorische Linke, sich diesen Fragen erneut offensiv zu stellen – und im Fahrwasser der Debatte auch die eigenen Positionen in ihren ideologischen Ursprüngen nachzuvollziehen und auf ihren historischen Zeitkern hin zu befragen.

Endnoten

(1) https://knack.news/9719

(2) Kappa ist eine kommunistische Gruppe, die sich in Leipzig organisiert. Die Gruppe organisiert Vorträge, mobilisiert zu Kundgebungen und Demonstrationen, beteiligt sich an der »Stronger-Together«-Kampagne für die Gefangenen des Budapest-Komplexes und betreibt Bündnisarbeit. Texte und Ankündigungen der Gruppe finden sich hier: https://kappaleipzig.noblogs. org/. Auf der Kantine Zone sollte Kappa einen Input im Workshop zum Umgang mit den »Roten Gruppen« halten, was jedoch aufgrund eines Unfalls kurzfristig abgesagt werden musste.

(3) https://kappaleipzig.noblogs.org/hanau-23-le/

(4) https://komaufbau.org/die-nationale-frage-in-palaestina-und-israel/

(5) https://kommunistischepartei.de/geschichte-theorie/zur-strategie-und-taktik-des-palaestinensischenbefreiungskampfes/

(6) Ebd.

(7) Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt a. M.: Campus, 1996.

(8) Würdemann, Tom Khaled: »Israel als ›siedlerkolonialer‹ Staat?«, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Nr. 217 (54. Jg., 2024), 735–753, hier: S.741.

(9) Ebd., S. 742.

(10) Kistenmacher, Olaf: »Gegen den Geist des Sozialismus«: Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik, Freiburg: Ça Ira, 2023. S.93

(11) Abdel Monem Said Aly / Shai Feldman / Khalil Shikaki: Arabs and Israelis: Conflict and Peacemaking in the Middle East, New York: Bloomsbury, 2022, S. 9.

(12) Ebd., S. 20

(13) Kistenmacher, Olaf: »Gegen den Geist des Sozialismus«: Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik, Freiburg : Ça Ira, 2023. S.109

(14) https://komaufbau.org/die-nationale-frage-inpalaestina-und-israel/

(15) Klaus Holz/Thomas Haury: Antisemitismus gegen Israel, Hamburg: Hamburger Edition, 2021.S. 58.

(16) Penslar, Derek J.: Zionism: An Emotional State. Brunswick, NJ, London: Rutgers University Press, 2023.S. 99 ff.

(17) Weinstock, Nathan: Der zerrissene Faden: Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967, Freiburg : Ça Ira, 2019. S. 13 ff.

(18) https://komaufbau.org/die-nationale-frage-inpalaestina-und-israel/

(19) Holz, Klaus: »Der Jude. Dritter der Nationen« in: Eva Eßlinger (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2010, S. 292.

(20) Claussen, Detlev: Grenzen der Aufklärung: die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1994.S. 61 ff.

(21) https://komaufbau.org/der-faschismus/

(22) Matthias Küntzel, Klaus Thörner: Goldhagen und die deutsche Linke: oder, die Gegenwart des Holocaust, Berlin: Elefanten Press, 1997.

(23) https://kommunistischepartei.de/ geschichte-theorie/zur-strategie-und-taktik-despalaestinensischen-befreiungskampfes/

(24) Vgl. ebenda.